Die Autoren Herr und Speer verbindet nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch die Überzeugung, die Welt retten zu können. Mit #tunwirwas liefern die erfahrenen Aktivisten die Anleitung dazu. Ihre Idee: Jede*r kann ein Change-Maker werden. Ist das naiv oder überzeugend? Die Rezension. 

„Ihr werdet schnell merken, kaum eine Tätigkeit ist so erfüllend wie das Mitgestalten von Gesellschaft“, so die Autoren Martin Speer (links) und Vincent-Immanuel Herr in ihrem Buch #tunwirwas.
(Foto © PHIL_DERA; #tunwirwas ist 2018 im Droemer Verlag erschienen.)

Darum geht es in #tunwirwas

Was bedeutet es, politisch aktiv zu sein?

Im ersten Teil des Buches erklären Herr und Speer, was „politisch sein“ für sie bedeutet. Sie fassen den Begriff sehr weit, über die bloße Parteizugehörigkeit hinaus. Für sie sind all diejenigen politisch, die den Status quo hinterfragen. Sie nennen Aktivist*innen deshalb auch Change-Maker, also Menschen, die eine Veränderung des Ist-Zustands unserer Gesellschaft zu einem Besseren anstreben. 

„Jedes Mal, wenn du eine neue Idee hast und darüber sprichst […] vielleicht mit einem selbstgeschrieben Song oder mit einem Blogbeitrag, handelst du politisch. Politischer Aktivismus kann dementsprechend viele Formen annehmen und ganz individuell zugeschnitten sein, solange du eben den Status quo herausforderst: Du handelst und damit bist du politisch.“ 

Welche Rolle übernehmen wir in unserer Gesellschaft?

Es gibt für uns als Bürger*innen zwei Positionen, die wir in unserer Gesellschaft einnehmen können: Entweder sind wir Teil des Status quo (und damit apathisch, unpolitisch, unkritisch) oder Teil der Veränderung (aktiv, politische Probleme lösend, den Status quo kritisch hinterfragend). Herr und Speer richten DIE zentrale Frage des Buches deshalb direkt an uns Leser*innen: Welchen Platz in der Gesellschaft möchten wir in Zukunft einnehmen?

Damit wir verstehen, warum es wichtig ist, sich mit dieser Frage bewusst auseinanderzusetzen, zeigen die beiden erfahrenen Aktivisten, wie eng Aktivismus mit Begriffen wie Freiheit, Demokratie, Fortschritt und Selbstbestimmtheit verknüpft ist. Dabei wählen sie die richtige Dosis an Fakten und weiterführenden Texten.

Herr und Speer vergessen nicht zu betonen, welche Verantwortung sich für uns daraus ergibt und auch, was für ein Privileg es ist, in einer Demokratie politisch aktiv sein zu können.

„Die größte Hilfe, die ein Tyrann oder jemand, der Tyrann werden möchte, bekommen kann, ist die des Schweigens und Nichttuns der Mehrheit. Wo Desinteresse und Gleichgültigkeit beginnen, enden Freiheit und Demokratie.“

Konkrete Handlungsempfehlungen für alle, die aktiv werden wollen

Wer das Buch bis hier gelesen und für sich entschieden hat, demnächst politischer zu werden, findet im zweiten Teil von #tunwirwas alles, was ein neuer Change-Maker für den Start braucht: einen 47-Punkte-Plan mit konkreten Handlungsempfehlungen und Tipps sowie unzählige Beispiele erfolgreicher Aktivist*innen und eine Sammlung nützlicher Organisationen und Plattformen.   

Da das Duo selbst politisch aktiv ist, weiß es natürlich, welche Selbstzweifel zu Beginn eines neuen Projekts aufkommen können, zum Beispiel: 

  • Ich weiß zu wenig, um in dem Themenfeld aktiv zu werden.
  • Ich bin zu jung, um ernstgenommen zu werden. 
  • Ich kenne doch gar nicht die richtigen Leute.
  • Mein Ziel ist viel zu groß und damit unrealistisch.
  • Ich habe als einzelne Person keinen nennenswerten Impact. 

Die Liste ließe sie beliebig weiterführen. Bedenken dieser Art greifen die beiden Autoren immer wieder auf und lassen uns an ihren eigenen Erfahrungen teilhaben, auch am Scheitern. 

Sie zeigen glaubhaft, dass Fehler und Rückschläge nie Anlass sein sollten, aufzugeben. Vielmehr gehören sie zum Aktivismus dazu: „Verlier nicht den Mut auf deinem Change-Maker-Weg und halte dir vor Augen, dass der Umgang mit Widerständen und Hürden auch immer eine Chance für Wachstum und Verbesserung birgt. Du kannst sogar Kraft und Motivation aus Rückschlägen ziehen.“

Mein FAZIT

Den Zeitgeist getroffen

#tunwirwas ist im November 2018 erschienen und damit noch vor dem ersten Fridays-for-Future-Streik in Deutschland. Seit der Bucherscheinung ist eine neue globale Klimaschutzbewegung junger Aktivist*innen entstanden, die Generation Z politisiert sich zunehmend, auch zu anderen Themen wie Feminismus, Gleichberechtigung, Antirassismus und Tierschutz etc.

Herr und Speer haben mit ihrem Sachbuch perfekt den Zeitgeist getroffen. Sie ermöglichen politisch Neugierigen einen leichten Zugang zum modernen Aktivismus. Dabei schaffen den Drahtseilakt, einerseits inhaltlich in die Tiefe zu gehen und andererseits kurzweilige Texte abzuliefern, die sich auch gut zwischendurch in der U-Bahn oder im Bus lesen lassen.

Authentisches Youth Empowerment

Ihr Anliegen lässt sich am besten mit dem Wort „Empowerment” beschreiben. Es geht ihnen nicht um einen historisch vollständigen Abriss erfolgreicher politischer Aktionen, sondern vielmehr verorten sie den Aktivismus im Hier und Jetzt und möchten uns davon überzeugen, dass die Hürden gar nicht so hoch sind, um auch ein Teil davon zu werden.

Ihre Strategie, junge Aktivist*innen zu Wort kommen zu lassen und viele unterschiedliche Projekte vorzustellen, geht voll auf. Die Begeisterung und Leidenschaft der Autoren für den modernen Aktivismus springt beim Lesen auf einen selbst über und der eigene Wunsch wächst, schon bald zur engagierten und mutigen Zivilgesellschaft gehören zu wollen. 

Am Ende des Buches bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass jeder von uns ein Change-Maker werden kann. Ob wir die Welt dann auch retten können? Nun ja, da habe ich noch meine Bedenken. Aber ich bin mir sicher, dass wir sie definitiv gemeinsam zu einem besseren Ort machen können. Und das ist für mich Ansporn genug, politischer zu werden.

Über die Autoren

Hinter dem Aktivisten- und Autorenduo “Herr und Speer” stecken die Berliner Vincent-Immanuel Herr (geb. 1988) und Martin Speer (geb. 1986). Sie sind bekannte Aktivisten, die #FreeInterrail und #EsIstZeit initiiert haben. Mit ihrer Kampagne #FreeInterrail haben sie dafür gesorgt, dass 20.000 europäische Jugendliche zu ihrem 18. Geburtstag ein gratis Interrail-Ticket geschenkt bekommen. Mit #EsIstZeit haben sie dazu beigetragen, dass die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wurde. Als Moderatoren und Kommentatoren sind Herr und Speer in verschiedenen Foren tätig und unterrichten als Lehrbeauftragte an der TU in Hamburg.