Die 27-Jährige Aktivistin Carina hat die Vision von einer Zukunft ohne Menschenhandel und Ausbeutung. Um Gleichaltrige über diese Themen zu informieren, gründete sie 2013 die kleine Initiative lightup. Heute ist lightup ein Verein mit Ablegern in Österreich und Norwegen.

„10 Fragen an“ ist meine Interviewreihe, mit der ich euch junge Aktivist*innen vorstelle, die man mit ihren Engagement mindestens einem der 17 Nachhaltigkeitsziele der United Nations (oft nur SDGs oder Sustainable Development Goals der UN) zuordnen kann. So bekommt ihr nicht nur einen Überblick über aktuelle Probleme, sondern lernt auch junge Menschen kennen, die konkret an Lösungen arbeiten. Wenn ihr die Aktivist*innen und ihre Projekte unterstützen möchtet, findet ihr immer unter den 10 Fragen die Infos, wie ihr das machen könnt. 

Über lightup

lightup motiviert junge Menschen, sich gegen Menschenhandel, Arbeitsausbeutung und gegen die Missstände im Sexgewerbe einzusetzen. (Video © lightup Germany)

Es ist das Jahr 2020 und es gibt mehr Opfer von Menschenhandel als jemals zuvor in der Geschichte: über 40 Millionen. 40 Millionen Menschen, die gefangen genommen und ausgebeutet werden. Oft trifft es Frauen: In der Prostitution sind beispielsweise etwa 93 Prozent der Betroffenen weiblich.

Bei diesen Zahlen überrascht es nicht, dass die UN in die Liste ihrer Nachhaltigkeitsziele “Geschlechtergleichheit” aufgenommen hat (SDG 5). Ein Unterziel lautet: “Alle Formen von Gewalt gegen alle Frauen und Mädchen im öffentlichen und im privaten Bereich einschließlich des Menschenhandels und sexueller und anderer Formen der Ausbeutung beseitigen”.

Carina von lightup teilt die Vision der UN und leistet einen wichtigen Beitrag für das SDG 5: Sie erzählt zusammen mit ihrem Team aus Ehrenamtlichen vorrangig jungen Menschen von den Ursachen, Umständen und Folgen der Menschenrechtsverletzungen.

Projekttag in Bad Kissingen mit 60 angehenden Erzieher*innen. Denn ein Bewusstsein für Menschenrechte und Gerechtigkeit kann schon im Kindergarten beginnen. (Foto © lightup Germany)

Die Idee dahinter: Umso mehr Wissen in unserer Gesellschaft über Ausbeutung vorhanden ist, desto größer ist die Chance, dass sie künftig nicht mehr gesellschaftlich akzeptiert wird. Der Fokus liegt auf dem Sexgewerbe, der Lebensmittelindustrie und Modebranche. Das lightup-Programm umfasst u.a. Vorträge, kreative Projekte und Info-Stände.

Tag der Menschenrechte 2019 in Erlangen: lightup macht gemeinsam mit Künstler*innen aus Deutschland, Osterreich und England auf Missstande im Sexgewerbe aufmerksam. (Foto © lightup Germany)

Die Jugendlichen lernen bei den Veranstaltungen nicht nur Fakten kennen, sondern entwickeln im Dialog eine eigene Meinung zum Thema. Carina setzt dabei auf Kommunikation auf Augenhöhe mit den Teilnehmer*innen. Sie hat sich bewusst gegen den erhobenen Zeigefinger entschieden und gegen Schockbilder. Stattdessen zeigt sie Fotos von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich bereits gegen Ausbeutung erfolgreich engagieren.

Den Jugendlichen wird neben neuem Wissen etwas mitgegeben, dass auch sehr wichtig ist: Ehrenamtliche Aufklärungsarbeit macht Spaß, selbst bei einem so schwierigen und komplexen Thema.

10 Fragen an … Carina Angelina

Carina Angelina (27), Gründerin von lightup, lebt mit ihrem Verein vor, dass jeder von uns gesellschaftliche Verantwortung übernehmen kann. (Foto © lightup Germany)

GENERATION i: Mit wie viel Jahren hast du angefangen, dich zu engagieren und für welches Thema?
Carina: Ich weiß leider nicht mehr wie alt ich war, aber es muss so irgendwann zwischen der 7. und 9. Klasse gewesen sein. Ich habe damals einen Artikel über Tierquälerei gelesen, darin ging es vor allem um Hunde in China. Die Leser*innen wurden aufgerufen, Unterschriften zu sammeln.

Als große Tierliebhaberin habe ich prompt eine Liste ausgedruckt, so richtig oldschool, da es Online-Petitionen noch nicht gab. Dann habe ich in meiner Klasse Unterschriften gesammelt. Das hat zwar nicht wirklich etwas mit dem Thema zu tun, für das ich mich heute einsetze, aber ich fand es damals schon schlimm, wenn andere Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier, ausgebeutet oder misshandelt werden.

Wenn dich jemand fragt, warum du dich gerade gegen Menschenhandel und damit gegen Ausbeutung einsetzt, dann antwortest du?
Menschenhandel und Ausbeutung sind schwere Menschenrechtsverletzungen und finden heute dennoch noch in unserem freiheitsliebenden, demokratischen Land mitten unter uns statt. Tagtäglich werden Menschen in Deutschland ausgebeutet, vor allem im Sexgewerbe.

Klar, nicht alle sind Opfer von Menschenhandel, aber verschiedene Fachberatungsstellen und auch Studien weisen darauf hin, dass sich viele Personen in der Prostitution in einer schwierigen sozialen und psychischen Situation befinden. Strukturelle und individuelle Zwangslagen drängen sie häufig in das Rotlichtmilieu. Der Anteil derer, die selbstbestimmt im Sexgewerbe tätig sind, ist gering.

Ein Großteil der Frauen in der Prostitution ist aufgrund begrenzter Möglichkeiten in diese geraten und ist meist unter menschenunwürdigen und ausbeuterischen Bedingungen tätig. Aber auch in der Modeindustrie werden weltweit Millionen Menschen ausgebeutet, damit unser Bedürfnis nach billig produzierter Kleidung in unserer konsumorientierten Wegwerfgesellschaft gestillt wird. 

Ich will nicht in einer Welt leben, in der die Würde des Menschen derart mit Füßen getreten wird. Ich möchte, dass unsere Gesellschaft, und vor allem junge Menschen, ein Bewusstsein für die Ausbeutung im Sexgewerbe aber auch in der Modeindustrie entwickeln und ihr eigenes Verhalten reflektieren und kritisch hinterfragen können.

Was sind aktuell die größten Hürden bei deiner Arbeit? 
Zum einen ist es das leidige Thema der Finanzierung. Ohne Geld funktioniert auch unsere Arbeit nicht. Auch wenn wir derzeit fast ausschließlich ehrenamtlich aktiv sind, kommen wir hier an unsere Grenzen und merken, dass nicht alles ehrenamtlich gestemmt werden kann. Wir wachsen, werden bekannter und bekommen häufiger Anfragen. Das ist super schön und zeigt, dass das Thema die Menschen bewegt und sie sich mit unserem Anliegen identifizieren können. Gleichzeitig müssen solche neuen Projekte betreut und Anfragen bearbeitet werden. Das alles ehrenamtlich zu schaffen und zu koordinieren, ist definitiv eine Herausforderung.

Auch die Suche nach passenden ehrenamtlichen Mitarbeitenden, die sich dauerhaft und regelmäßig in verschiedenen Bereichen einbringen möchten, ist nicht ganz einfach. Erschwert wird das Ganze noch dadurch, dass wir nicht lokal arbeiten, sondern deutschlandweit verstreut sind. Sprich: Trotz eines großen Teamgefühls und einer Wertschätzung für das Engagement jedes einzelnen Ehrenamtlichen, ist immer auch Eigenmotivation und Eigeninitiative bei uns gefragt.

Welches Projekt würdest du sofort umsetzen, wenn Geld und Zeit keine Rolle spielen würden?
Da gibt es mehrere. Aktuell würde ich super gern Leute dabei unterstützen, lightup auch in anderen Ländern zu starten. Denn Menschenhandel und Ausbeutung ist ein weltweites Problem – daher braucht es globale Zusammenarbeit. Derzeit gibt es lightup schon in Norwegen und Österreich. Wir erleben die internationale Zusammenarbeit als sehr bereichernd, trotzdem bringt sie auch Herausforderungen mit sich, wie Sprache, kulturelle Unterschiede und räumliche Distanz.

Im Hinblick auf unsere nationale Arbeit würde ich am liebsten ein flächendeckendes, dauerhaftes Workshop-Programm für junge Menschen etablieren, um sie für die zu Beginn genannten Themen zu sensibilisieren. Ich würde Personen einstellen, die dann motivierte Jugendliche dabei unterstützen, mit ihren Fähigkeiten und Ideen eigene Projekte durchzuführen.

Apropos Zeit: Du arbeitest als Sozialarbeiterin in der Kinder- und Jugendhilfe, du gründest nebenbei den Verein lightup und du bist auch noch Buchautorin – wie schaffst du das zeitlich? Hat dein Tag mehr als 24 Stunden?
Schön wär’s. lightup besteht ja zum Glück nicht nur aus mir, sondern aus vielen Menschen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise einbringen, sei es finanziell oder ehrenamtlich. Delegieren und Aufgaben verteilen ist da ein wichtiger Aspekt. Besonders dankbar bin ich für unser Leitungsteam, weil sich hier Menschen gefunden haben, die mit vollem Herzen dabei sind und auf die ich mich verlassen kann.

Was mir aber auch hilft, ist, dass ich vor allem nachts in der Rufbereitschaft bei einem tollen Berliner Jugendhilfeträger namens Freestyle e. V. arbeite. Dadurch habe ich tagsüber mehr Zeit und Flexibilität, um mich um meine Aufgaben bei lightup zu kümmern.

Dein schönster oder lustigster Moment als Aktivistin? 
Da gab es einige. Für mich war im vergangenen Jahr ein besonderes Highlight, dass ich nach fünf Jahren rein ehrenamtlicher Arbeit auf 450-Euro-Basis eingestellt werden konnte.

Welche Person hat dich zuletzt beeindruckt und warum? 
Eine Person, die mich seit fast drei Jahren immer wieder beeindruckt ist Sandra Norak. Sie wurde als junge Frau durch einen sogenannten Loverboy, der ihr die große Liebe vorspielte, in die Prostitution gedrängt und dort ausgebeutet. Dennoch hat sie die Kraft und den Mut gefunden, auszusteigen, ein Jura-Studium zu beginnen und heute über das, was sie selbst erfahren und in der Prostitution gesehen hat, öffentlich zu sprechen und dadurch andere junge Frauen vor der Loverboy-Masche zu warnen. Dabei schafft sie es nicht nur Menschen emotional zu erreichen, sondern es gelingt ihr trotz ihrer persönlichen Erfahrungen, sachlich und scharfsinnig für die prekäre Situation der Betroffenen zu sensibilisieren.

Wie informierst du dich, um immer up to date zu sein? Verrate uns deine Quellen für Nachrichten und die wichtigsten Termine!
Ganz unterschiedlich – von klassischen Zeitungsberichten und Google-Alerts, über aktuelle Studien, Berichte oder andere Fachliteratur bis hin zu YouTube-Videos und Dokumentationen. Da ich auch relativ viele themenspezifische Seiten auf Facebook abonniert habe, bekomme ich darüber auch recht viel mit. Aber auch Stellungnahmen von Fachexpert*innen und Erfahrungsberichte von Betroffenen finde ich persönlich immer sehr spannend. Bei lightup haben wir auch ein sogenanntes Knowledge-Team und einen digitalen Ordner, in dem wir wichtige neue Infos abspeichern und so miteinander teilen.

Eine gute Fee kommt vorbei und du bekommst die einmalige Chance, ein Gesetz zu erlassen: Was steht drin?  
Das ist tatsächlich gar nicht so einfach. Politisch gibt es hier ziemlich kontroverse Diskussionen und wir mit lightup Germany haben keine offizielle Stellungnahme, weil wir uns auf die Aufklärungsarbeit von jungen Menschen fokussieren. Im Hinblick auf Menschenhandel und Ausbeutung im Sexgewerbe wird derzeit viel debattiert: Ob die Regulierung des Sexgewerbes der richtige Weg ist, oder ob es besser wäre, das sogenannte nordische Modell einzuführen. Dieses beinhaltet die Kriminalisierung von Sexkauf und der Förderung der Prostitution, jedoch die Entkriminalisierung des Anbietens von kommerziellen sexuellen Handlungen.

Das hört sich erstmal widersprüchlich an, hat aber das Ziel, Menschenhandel und Prostitution zu verringern, ohne dabei die Personen, die sich prostituieren, zu kriminalisieren. In den letzten Jahren haben einige europäische Länder dieses Modell übernommen, unter anderem unser Nachbarland Frankreich. Die EU hat in einer nicht-bindenden Resolution dieses Modell für alle europäischen Ländern empfohlen. Dennoch habe ich einige kritische Anfragen an diese Gesetzgebung und sehe auch in der Umsetzung in verschiedenen Ländern Defizite (z.B. mangelnde Unterstützungsangebote für Personen, die die Prostitution verlassen möchten).

Klar ist jedoch, dass auch das regulatorische Modell, wie wir es in Deutschland haben und das mit dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017 zu einem bürokratischen Monster geworden ist, an vielen Stellen in der Praxis versagt hat. Es gibt jedoch zahlreiche Maßnahmen, die ich uneingeschränkt befürworte und mir wünschen würde. Dazu gehört z.B. der Ausbau und die Finanzierung von flächendeckenden, umfassenden, niedrigschwelligen Ausstiegsangeboten für Personen in der Prostitution (Wohnmöglichkeiten, Anbindung an Therapie, Re-Integration in den normalen Arbeitsmarkt) sowie von Aufklärungs- und Bildungsangeboten, wie die von lightup.

Auch müssen bestimmte Berufsgruppen, wie z.B.  Entscheider*innen im Asylverfahren noch besser darin ausgebildet werden, Opfer von Menschenhandel zu identifizieren, damit diese einen sicheren Aufenthaltsstatus bekommen und nicht in Länder abgeschoben werden, in denen sie erneut zu Opfern werden.

Vervollständige bitte den Satz: Es lohnt sich, die eigene Komfortzone zu verlassen, weil …
… wir dann über uns hinauswachsen und lernen, zu was wir alles fähig sind. Und weil wir Großartiges bewirken können.


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Außerdem freut sich Carina und ihr Team immer über neue Interessierte, die sich gemeinsam mit lightup für Freiheit, Menschenwürde und Gleichheit einsetzen wollen. Hier erfährst du, wie du Mitmachen kannst.

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