Luisa Neubauer brachte vor einem Jahr Gretas Idee des Schulstreiks mit nach Berlin und organisierte hier im kleinem Team den ersten Streik. Den Streik am Jahrestag (Freitag, den 13.12.19) nutzten alle Redner*innen, um Bilanz zu ziehen. Spoiler-Alarm: Niemand war in unbeschwerter Feierlaune.

Zeit für ein Fazit

Die Bewegung Fridays for Future (FFF) kann auf zwölf Monate des Streikens zurückblicken. Die Highlights aus den Reden von Luisa Neubauer, Franziska Wessel, Joschi Wolf und Ricarda Lang findet ihr unten in den Videos.

“Wir haben nichts erreicht.” 

Franzi Wessel (15 Jahre), Fridays for Future

Franziska Wessel, die 15-jährige Aktivistin und Mitglied des Berliner Orga-Teams, stellte in ihrer Rede ganz selbstkritisch fest: „Wir haben de facto nichts erreicht.“ Um diese Aussage zu verstehen, müssen wir uns an das FFF-Motto erinnern: „Wir streiken, bis ihr handelt.“ Handeln bedeutet in diesem Fall, dass Politiker weltweit Maßnahmen veranlassen, damit die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden können, allen voran das 1,5-Grad Ziel.

Was aber bisher politisch beschlossen wurde, wie zuletzt bei der UN-Klimakonferenz in Madrid, reicht bei Weitem nicht aus (mehr). Auch das deutsche Klimaschutzpaket ist laut vielen Umweltschutzverbänden nicht einmal den Namen wert (die Einschätzung von Greenpeace hier zum Nachlesen).

Deshalb ging es in den Reden am Freitag oft um Wut, Trauer und Fassungslosigkeit. Die Aktivist*innen fragten bei der Demo mit Blick auf den Bundestag:

  • Warum wurde die Wissenschaft jahrzehntelang ignoriert?
  • Warum wird sie auch heute noch ignoriert?
  • Warum handeln die Politiker nicht, die den Auftrag haben, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen?
  • Warum müssen Kinder und Jugendliche auf die Straße gehen, um das einzufordern? 
  • Wozu jährlich stattfindende UN-Klimakonferenzen wie zuletzt in Madrid, wenn keine nennenswerte Ergebnisse erzielt werden? 
  • Warum ist Politiker*innen die Zukunft kommenden Generationen vollkommen egal? 

Unterschätzt die neue Jugend nicht 

Anfangs wurden die Schüler*innen noch belächelt. Ihnen wurde auch unterstellt, Fridays for Future sei eine willkommene Ausrede, um die Schule zu schwänzen. Mittlerweile zweifelt aber niemand mehr an den Absichten der Aktivist*innen. Denn die arbeiteten sich in ihrer Freizeit durch Fachliteratur und büffelten Fakten über den Klimawandel.

Jetzt sitzen sie in politischen Talkshows und diskutieren mit etablierten Politiker*innen über CO2-Bepreisung, als sei es das Natürlichste auf der Welt. Bei der Demo am Freitag machten die FFF-Aktivist*innen aber klar, dass das eben keine Selbstverständlichkeit sei und schon gar nicht ihre Aufgabe.

Der größte Erfolg von FFF ist wahrscheinlich, dass der politischen Scheindebatte, ob man während der Schulzeit demonstrieren darf, konkrete inhaltliche Arbeit folgte: Wie kann Deutschland Klimaschutz und Klimagerechtigkeit erreichen. 

Und so gab es doch noch Grund zum Feiern an diesem kalten, aber sonnigen Dezembertag. Die Redner*innen dankten allen Beteiligten, die im letzten Jahr daran mitgearbeitet und große persönliche Opfer erbracht haben. Viele von ihnen wuchsen innerhalb nur eines Jahres weit über sich hinaus und wurden zu Projekt-, Event- und Community-Manager*innen, zu Pressesprecher*innen, Redner*innen und und und … 

Wer jetzt denkt, dass die Aktivist*innen ihre Reden mit überheblichem Eigenlob füllten, irrt. Vielmehr kam zum Ausdruck, dass diese jungen Menschen auf der Bühne es selbst kaum glauben können, was sie zusammen geleistet haben:

  • zwölf Monate lang jeden Freitag Schulstreik (trotz heftigem politischen Gegenwind)
  • das Thema Klimaschutz ist in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt
  • viele junge Menschen politisiert und mobilisiert
  • Organisation mehrerer Großdemos in Deutschland mit bis zu 1,4 Millionen Demonstrierenden
  • weltweit haben tausende Städte den Klimanotstand ausgerufen, in Deutschland sind es fast 70 Städte bzw. Gemeinden
  • auch das EU-Parlament hat den Klimanotstand erklärt

Streikpause – und dann? 

Die Streiks organisierten sich in den letzten zwölf Monaten nicht von allein. Das Orga-Team bewältigte im Jahr 2019 Mammutaufgaben. Jetzt sind sie müde. 

Aber nicht nur die vielen Nachtschichten neben Schule und Studium haben sie müde gemacht. Sie sind müde, immer wieder die gleichen Fakten zu zitieren, obwohl doch alles bereits gesagt wurde. Müde, immer wieder zu erklären, dass die eigene Zukunft auf dem Spiel stehe. Müde, immer wieder anzuprangern, was aus Sicht der Wissenschaft alles schiefläuft. 

Die Aktivist*innen gingen oft über die eigenen Grenzen. Fridays for Future hat sich deshalb selbst eine Streikpause verordnet, sie werden „den Winter über nicht mehr wöchentlich streiken“, so die Nachricht im WhatsApp-Infochannel. Sie wollen neue Kraft sammeln, um dann wieder auf die (politische) Bühne zurückzukehren.

“Eins ist klar, nächstes Jahr kommen wir größer, stärker und vor allem lauter zurück.”

Nachricht von Fridays for Future im WhatsApp-Infochannel Berlin

Wie die Pläne genau aussehen werden, konnten die Redner*innen um Luisa Neubauer am Freitag noch nicht sagen.

Weiter wie bisher?

Nach einem Jahr des Streikens ist klar, dass die neue Jugend politisiert ist und gehört werden möchte. Mehr noch, sie will mitsprechen und mitentscheiden. Wenn die Politik aber trotz der vielen FFF-Streiks weitermacht wie bisher, müssen sich die führenden Köpfe bei Fridays for Future fragen, ob auch sie so weitermachen können wie bisher. Ich bin sehr neugierig, was sie an ihrem Konzept der Schulstreiks und Großdemos verändern werden.

Joschi Wolf klagte am Ende seiner Rede die Politik an: „Eine Generation von jungen Menschen mit Visionen wird gerade verheizt und enttäuscht.“ 

Was wird ihre Antwort darauf sein? 

Eindrücke von der Demo – Reden und Musik

Luisa Neubauer, Initiatorin der FFF-Streiks in Deutschland

“Ich verspreche euch, wir werden laut […] und unbequem bleiben. Ich freue mich auf das nächste Jahr, wenn wir alles verändern werden. Wir zusammen.”

Joschi Wolf, Umweltaktivist

“Wir streiken, wir kämpfen, und wir gehen alle über körperliche Grenzen. Wir alle. […] Wir zahlen mit einer Kindheit, mit einer Jugend, zahlen mit verlorenen Freundschaften.”

Franziska Wessel, Orga-Team FFF Berlin

“Den Leuten dahinten [im Bundestag, Anm. GENERATION i] ist bewusst, wie schlimm das ist. Und es ist denen auch bewusst, was sie tun sollten. Und sie tun es nicht.”

Ricarda Lang, Bündnis 90/Die Grünen

“Bitte lasst euch niemals sagen, dass ihr zu jung seid, als dass eure Meinung von Bedeutung wäre. […] Eure Stimme zählt.”

Der Demozug auf dem Weg zum Reichstagsgebäude

“Power to the People”