Geht es um mein gesellschaftspolitisches Engagement, bin ich noch ungebunden. Single quasi. Mein Herz hängt noch nicht an einer Partei oder Bewegung. Um herauszufinden, wer zu mir passt, date ich mich ab sofort durch die Berliner Ehrenamt-Szene. Mein Bericht mit Video.  

Neugierig auf zivilen Ungehorsam

Es ist Anfang Oktober, die Rebellion Week von Extinction Rebellion (XR) startet in wenigen Tagen. Die Gelegenheit für mich, im XR-Klimacamp mehr über die Bewegung und die jungen Menschen zu erfahren, die sich ihr anschließen.

Ich habe Rebell*innen gefragt, warum sie bei Extinction Rebellion mitmachen. Ihre Antworten erfahrt ihr im Video.

Ich wollte aber nicht ganz unvorbereitet dort auftauchen und fand bei Meetup schnell regelmäßig stattfindende XR-Treffen in ganz Berlin. Für mich hieß das, auf nach Kreuzberg, ohne Anmeldung. Schön unkompliziert, so mag ich das.

Theorie trifft auf Erfahrung

Die Neugierde auf friedlichen zivilen Ungehorsam lockte etwa zwanzig Leute in das kleine Café Nähe Hallesches Tor. Und das, obwohl es regnete wie seit Monaten nicht mehr.

Gastgeber Joe erzählte uns viel über die Basics von XR, die auch auf der Website zu finden sind. Unten im Steckbrief habe ich euch das Wichtigste zusammengefasst.

Warum also zu so einem Treffen gehen? Weil die XR-Aktivist*innen im Gespräch die Ziele, Strukturen und Aktionen mit persönlichen Erfahrungen verknüpfen und offene Fragen direkt beantworten können. Außerdem ist ein offenes Treffen perfekt, um Gleichgesinnte zu finden, denn alle Teilnehmer*innen verbindet das gleiche Anliegen, der Klimaschutz.

Wer mehr Infos braucht, bekommt sie auch

Die meisten, so mein Eindruck, kamen bereits sehr gut informiert zu dem Treffen und wünschten sich kurz vor der Rebellion Week mehr Hintergrundinfos zu den einzelnen Blockaden und wie man sich als Teil davon verhalten solle.

All die Details in diesen einen Abend zu packen, hätte den Rahmen gesprengt. Joe zeigte uns deshalb Möglichkeiten auf, wie man auch an die gewünschten Inhalte kommt: XR-Vorträge, Workshops auf dem Gelände des Klimacamps, Onboarding-Treffen und Aktionstrainings, Telegram- bzw. WhatsApp-Channel, Facebook-Gruppen …

Ich entscheide, wie rebellisch ich sein möchte

Spannend fand ich den Ansatz, dass man als Rebell*in individuell entscheiden darf, wie man sich einbringen möchte. Je nach dem, was man sich selbst zutraut. Niemand wird anders behandelt, weil er oder sie “nur” im Hintergrund agieren möchte und Blockaden für sich ausschließt. Und wer beim Blockieren mitmacht, muss trotzdem nicht automatisch bis zum Ende bleiben. Sondern nur solange, wie man bereit ist, sich den Aufforderungen der Polizei zu widersetzen.

Steckbrief Extinction Rebellion

Was ist Extinction Rebellion?

Eine internationale Bewegung, die friedlichen Ungehorsam einsetzt, um das Massenaussterben zu stoppen und das Risiko eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs zu minimieren. XR-Aktionen haben das Ziel, ihre drei Forderungen umzusetzen:

  1. Sag die Wahrheit
    Spreche mit den Menschen um dich herum über den Klimanotstand und die ökologische Katastrophe.
  2. Handle jetzt
    Fordere die Regierung auf, den CO2-Ausstoß bis 2025 auf Null zu reduzieren. Technisch ist das möglich.
  3. Politik neu beleben
    Rufe die Regierung dazu auf, Bürger*innenversammlungen zu ökologischer Gerechtigkeit einzuberufen.

Wer darf bei XR mitmachen?

Jede*r. Das betonte unser Gastgeber Joe immer wieder. XR versteht sich als inklusive Bewegung, das heißt Alter, Geschlecht, Herkunft, sozialer Hintergrund, sexuelle Orientierung u.s.w. spielen bei XR keine Rolle. Die Gruppe bei meinem offenen Treffen spiegelte all das wieder. Ihr braucht auch keine besonderen Vorkenntnisse, um mitzumachen. Einzige Voraussetzung ist, dass ihr hinter den drei großen Forderungen steht (siehe oben) und die zehn Prinzipien von XR anerkennt.

Wie ist XR organisiert?

Dezentral. Es gibt keine Hierarchien und auch keine Positionen, die immer mit den gleichen Personen besetzt sind. Stattdessen werden Aufgaben innerhalb der Bewegung von sich abwechselnden Personen übernommen. Wer sich einbringen möchte, darf das auch tun, ohne von einer gläsernen Decke oder von Machtstrukturen aufgehalten zu werden.

Ist XR antidemokratisch?

256 Seiten, Klappbroschur,
S. FISCHER, 12€

Im XR-Handbuch Wann wenn nicht wir stehen Formulierungen wie “radikaler Systemwechsel”, und “neue politische Realität”. XR fordert dazu auf, alte Denkweisen und Machtstrukturen zu hinterfragen und diese aufzubrechen, aber nur, um die Demokratie im Sinne ihrer Bürger*innen und der Ökosysteme zu reformieren. Bürger*innen sollen beispielsweise in Zukunft mehr in politische Prozesse eingebunden werden.

In einer Demokratie wird das Volk “durch freie Wahlen an der Machtausübung im Staat” beteiligt (Beschreibung des Dudens). Ist ein Mehr an Beteiligung nicht auch ein Mehr an Demokratie?

Ist XR radikal?

Die Rebell*innen störten bei der Rebellion Week zwar massiv den Verkehr in Berlin, ließen aber Krankenwagen und Feuerwehren ungehindert passieren. Die Aktivist*innen waren stets in Kontakt mit der Polizei, sie traten ihr gegenüber nicht aggressiv oder provozierend auf. Viele Familien mischten sich unter die Proteste, Sachbeschädigungen waren von XR strikt untersagt.

Bei der ganzen Diskussion, ob Extinction Rebellion radikal sei, frage ich mich deshalb:

Soll die Diskussion von den Forderungen ablenken, wie anfangs die Diskussion um das Schulschwänzen bei Fridays for Future?

Wenn XR tatsächlich radikal ist, was sind dann Steineschmeißer oder diejenigen, die Gewalt einsetzen, um für ihre Ideale wortwörtlich zu kämpfen? Stehen sie tatsächlich mit den Rebell*innen auf einer Stufe? 

Wenn wir friedlichen zivilen Ungehorsam bereits als radikal empfinden und auch als solchen bezeichnen, zeigt das einerseits für mich, in was für einer geordneten Demokratie und privilegierten Gesellschaft wir leben. Was für ein Glück. Zeigt es aber vielleicht auch, dass es eine Gesellschaft ist, die verlernt hat, politische Entscheidungen zu hinterfragen und gegebenenfalls der Regierung zu widersprechen?

Ist der Glauben daran, dass wir mit unserem Handeln etwas verändern können, fast vollständig verloren?

Wie geht es nach einem Infoabend weiter?

  1. Eine Ortsgruppe in der Nähe finden.
  2. Über den Newsletter über kommende Veranstaltungen informieren.
  3. Bei weiteren Treffen andere Aktivist*innen kennenlernen.
  4. Onboarding und Aktionstraining mitmachen.
  5. Sich inhaltlich einbringen.
  6. Bei Blockaden und anderen Aktionen mitmachen.

Das ist nur eine Empfehlung, es gibt keine Vorschriften, in welcher Reihenfolge man das tun oder ob man tatsächlich alles machen muss. Niemand ist zu etwas verpflichtet oder muss Mitglied werden wie in einer Partei. Die Trainings sind kostenlos und für alle offen. Ihr könnt beim nächsten Klimacamp einfach spontan vorbeigehen, euch vor Ort informieren und bei den Workshops mitmachen. Die werden übrigens auch unabhängig vom Klimacamp angeboten, schaut einfach mal in die Termine eurer Ortsgruppe.

Mein Fazit: Eine schöne Utopie

Extinction Rebellion setzt sich für den Klimaschutz ein, hat aber eine Utopie von der Zukunft, die über den Umweltschutz hinausgeht. Im Kern des XR-Weltbilds sind alle Menschen gleich, die biologische und kulturelle Vielfalt erstrebenswert. Daraus ergeben sich Werte wie Inklusion, Nachhaltigkeit, Gleichheit und Zusammenhalt.

Für mich klingt das nach mehr Teilhabe statt Ausschluss, nach Transparenz statt Hinterzimmergespräche und nach Generationengerechtigkeit statt Leben auf Kosten der kommenden Generationen. Etwas, was mich anspricht und womit ich mich sehr gut identifizieren kann.

Aber …

Extinction Rebellion und ich: Liebe auf den ersten Blick? Nicht ganz. Denn die Protestbewegung ist noch sehr jung und es ist nicht abzusehen, in welche Richtung sie sich weiter entwickeln wird. Bei dem XR-Treffen hieß es beispielsweise, dass nie der öffentliche Verkehr gestört werden würde, weil es die Mobilitätsform der Zukunft sei, die sie auch unterstützen möchten. Das sehe ich genauso. Doch genau das ist jetzt in London passiert.

Solche Aktionen sind nicht zielführend. Es besteht die Gefahr, dass Klimaschutz grundsätzlich in ein schlechtes Licht gerückt und es uncool wird, dabei mitzumachen. Aber es ist genau das, was die große Klimaschutzbewegung braucht: Menschen, die sich interessieren und engagieren. Ich bin deshalb sehr skeptisch, ob der dezentrale Ansatz tatsächlich bei einer weltweit agierenden Bewegung umsetzbar ist.

Nachhaltiger Protest?

Ich finde es unglaublich spannend, Extinction Rebellion weiter zu beobachten. Wie wird sich XR verändern (müssen), wenn Länder wie Deutschland die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht erreichen. Werden sie die selbst gesteckten roten Linien wie Gewaltfreiheit weiter aufrecht erhalten oder nicht? Kann die Bewegung weiter wachsen, wenn der Zauber des Neuanfangs verflogen ist?

Die Suche nach dem richtigen Engagement für mich geht erst einmal weiter. Ich werde andere Organisationen daten und euch davon berichten.