In Davos findet gerade das Weltwirtschaftsforum (WEF) statt. Rund 3.000 Regierungs- und Wirtschaftsvertreter*innen diskutieren aktuelle globale Fragen. Auch vor Ort: NGOs und Aktivist*innen. Ich habe bei einigen nachgefragt, warum sie dabei sind. Ihre Antworten im Beitrag.

Über das World Economic Forum

Das Weltwirtschaftsforum (engl. World Economic Forum, kurz WEF) gibt es bereits seit 1971 und findet dieses Jahr vom 21.–24. Januar in Davos statt (wie jedes Jahr übrigens). Veranstaltet wird es von der gleichnamigen Stiftung, die sich durch die Mitgliedsbeiträge der teilnehmenden Unternehmen finanziert. Lange war die Teilnahme nur Unternehmen und Regierungsvertreter*innen gestattet. In den letzten Jahren hat sich das World Economic Forum auch für die Zivilgesellschaft, für NGOs, geöffnet. Die breite Öffentlichkeit hat aber nach wie vor keinen Zutritt.

Viele Fakten über die Veranstaltung hat die Neue Zürcher Zeitung kompakt zusammengestellt, unter anderem auch darüber, wie unterschiedlich die verschiedenen Generationen oder Kontinente beim WEF repräsentiert werden. Lesenswert. 

Das WEF als Nachhaltigkeitsforum?

Das WEF-Motto lautet in diesem Jahr „Stakeholders for a Cohesive and Sustainable World“. Passend dazu wurden zehn junge Aktivist*innen eingeladen, um mit ihnen über Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu sprechen, darunter Greta Thunberg und auch Luisa Neubauer aus Deutschland.

Klingt doch gut, zeitgemäß und richtig, oder? Warum demonstrieren trotzdem so viele Aktivist*innen in Davos gegen das WEF? Welche Haltung haben die NGOs zu dieser oft als elitär kritisierten Veranstaltung? Ich habe bei einigen nachgefragt. Hier ihre Antworten: 

Thomas (15), Extinction-Rebellion, aus dem Berner Oberland 

Thomas ist bei Extinction Rebellion aktiv und war einer der mehr als 1.5000 Aktivist*innen beim Strike WEF, der Winterwanderung für Klimagerechtigkeit. Thomas ist die gesamte Demonstrationsstrecke von Landquart bis nach Davos mitgelaufen, fast 50 Kilometer in drei Tagen bei zum Teil schwierigen Bedingungen. (Foto © Thomas)

„Für mich ist das World Economic Forum eher ein World Economic Failure. Das hat viele Gründe: Zum einen die hohen Kosten für die öffentliche Hand, um die Sicherheit der Veranstaltung zu garantieren. Zum anderen entscheiden einige der reichsten Menschen der Welt total intransparent über Themen, die uns alle angehen. Zwar nennt das Forum als eigenes Ziel, den Zustand der Welt verbessern zu wollen, aber in Bezug auf den Klimaschutz hat das Forum total versagt. Seit 30 Jahren gibt es jetzt die COPs, die internationalen Klimakonferenzen der UN, und das WEF sogar schon seit 50 Jahren, trotzdem steigen die Emissionen drastisch an, dem Klima geht es total schlecht. Mit Schuld daran sind viele WEF-Mitglieder. Dazu muss man wissen, dass für 71 Prozent der CO2-Emissionen seit 1998 etwa 100 Unternehmen verantwortlich sind, und diese sind mehrheitlich Mitglieder des World Economic Forum. So auch Shell und BP. Sie unterstützen zwar offiziell das Pariser Klimaabkommen, haben aber keine Ziele zur CO2-Reduktion verabschiedet. Die WEF-Verantwortlichen versprechen, die Klimakrise bekämpfen und den Globalisierungsverlierern helfen zu wollen, aber ich frage mich ernsthaft, warum es im Interesse der reichsten Menschen der Welt sein sollte, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Die Vergangenheit hat doch gezeigt, dass ihnen der Klimaschutz total egal ist. Für mich hat das WEF daher keine Daseinsberechtigung mehr, es geht dort einfach nur um das Business. Deshalb protestiere ich in Davos.“

Caterina (29) und Niklas (28), Extinction Rebellion, Bern

Die beiden Umweltaktivist*innen Caterina und Niklas waren am vergangenen Sonntag beim Strike WEF in Davos dabei. Auch sie engagieren sich bei Extinction Rebellion. (Foto © Caterina) 

„Für uns ist es wichtig, bei solchen Protesten mitzumachen, weil wir dadurch unsere Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen können, da andere Methoden nichts gebracht haben, zum Beispiel das Sammeln von Unterschriften. Ausserdem fördern gewaltfreie Demonstrationen den Dialog untereinander und mit Passanten, was wiederum zu einem Umdenken in der Gesellschaft führen kann. Vor allem in Davos, da beim WEF diejenigen teilnehmen, die für den ökologischen und sozialen schlechten Zustand unserer Welt verantwortlich sind, und die, die Macht hätten, dieses zu verändern. Auch wenn die Demonstrationen beim WEF nicht die Meinung der WEF-Teilnehmer ändert, so ist doch die positive mediale Berichterstattung darüber sehr wichtig für eine kritische Auseinandersetzung der Bürger*innen mit diesem Thema.“

Kevin (28), Fridays for Future, Berlin 

In den vergangenen Jahren wurden Demonstrierende während des World Economic Forum nicht nach Davos gelassen. Daher kam den Veranstaltern des Strike WEF die Idee mit der Wanderung. Fridays-for-Future-Aktivist Kevin ist dabei gewesen und die gesamte Distanz mitgelaufen. (Foto © Kevin) 

„Manche mögen die Wanderung nach Davos für extrem halten. Doch wir Aktivist*innen haben ein wichtiges Zeichen gesetzt, und halten so den Dialog aufrecht. Der Klimaschutz hätte in Davos unserer Meinung nach ein Hauptthema sein sollen und nicht nur ein kleines Thema am Rande. Die dort versammelten Unternehmen sind für einen Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich. Schon einzelne Personen dort zu überzeugen, würde einen gewaltigen Unterschied machen. Die bisherigen Maßnahmen reichen nämlich bei weitem nicht aus. Für uns ist das 1,5-Grad-Ziel entscheidend und wir werden jede Möglichkeit nutzen, die Einhaltung des Parisabkommens weiter öffentlich zu fordern. Für Fridays for Future sprechen Greta und Luisa auf der Konferenz. Wir wollten sie mit unserer Aktion unterstützen.“

Statement von UNICEF, warum es in Davos dabei ist

UNICEF ist das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Der Auftrag von UNICEF ist es, die Kinderrechte für jedes Kind zu verwirklichen, unabhängig von seiner Hautfarbe, Religion oder Herkunft. Im Bild: Henrietta H. Fore, Executive Director UNICEF, beim WEF-Panel “Defining Education 4.0 “ in Davos. (Foto © UNICEF/UNI280201/Christian Clavadetscher, World Economic Forum) 

„Mit der Agenda 2030 hat sich die internationale Gemeinschaft dazu verpflichtet, Verantwortung für die nachfolgenden Generationen zu übernehmen. Doch zu Beginn der Aktionsdekade zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung wachsen noch immer Millionen von Kindern ohne Bildung und in einem Klima der Perspektivlosigkeit auf. Vor allem den ärmsten und am stärksten benachteiligten Kindern bleibt das Recht auf Bildung verwehrt. Dabei ist dies der Schlüssel zu mehr Chancengleichheit und einer besseren Zukunft. Deshalb müssen Regierungen und Unternehmen gemeinsam in die Zukunft von Kindern und Jugendlichen investieren. Nur gemeinsam können wir dafür sorgen, dass unsere Kinder und Enkelkinder ihr Potenzial entwickeln können, zur Schule gehen können und in ihrem Leben gerechte Chancen haben. Dafür setzen wir uns ein – auch in Davos.“

Amnesty International nimmt NICHT am WEF teil, ihr Appell an die Teilnehmenden Unternehmen und Regierungen

Amnesty International ist die weltweit größte Bewegung, die für die Menschenrechte eintritt. Sie ist unabhängig von Regierungen, Parteien, Ideologien, Wirtschaftsinteressen und Religionen. Amnesty hat mir als Statement ihren eindringlichen Appell geschickt, mit dem sie sich – zusammen mit Organisationen wie Greenpeace, Civicus, 350, Oxfam u.v.m. – an Regierungschefs und Wirtschaftsführer*innen in Davos gewandt hat. (Logo © Amnesty International) 

„Wir rufen jede Regierung, jede Wirtschaftsführerin und jeden Wirtschaftsführer am #WEF2020 auf, in ihrem Entscheidungsbereich den Klimanotstand auszurufen und der Förderung und Nutzung von fossilen Brennstoffen ein Ende zu setzen. Wir können ein Katastrophenszenario immer noch abwenden, dazu müssen die Entscheidungsträger aber endlich handeln und unser Wirtschaftssystem bis zum Ende des Jahrzehnts von fossilen Brennstoffen abnabeln. Der Klimawandel bedroht die Rechte von Hunderten Millionen Menschen auf Wasser, Nahrung und Gesundheit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos können sich entweder für die Menschenrechte oder für den Erhalt fossiler Brennstoffe aussprechen – beides geht nicht».

Habt ihr auch eine Meinung zum Weltwirtschaftsforum, wart vielleicht sogar vor Ort? Dann schreibt mir doch bei Instagram in die Kommentare, was ihr von den Teilnehmer*innen fordern würdet.