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Frohes neues!
Ich weiß, ich weiß. Manchem kommt das jetzt, am vierten Tag des Jahres, schon zu den Ohren raus. Aber hierzulande ist das ja so eine Sache mit dem Knigge: Man sagt, bis Mitte Januar ist es legitim, wildfremden Menschen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Hier im Norden halten wir das pragmatischer. Ein knappes Nicken, vielleicht ein genuscheltes „Frohes neues“, und dann ist aber auch gut. Wir müssen es ja nicht übertreiben. Hört ihr auch nicht mehr von mir. Versprochen!
Es ist ruhig draußen. Die Stadt trägt eigentlich noch diesen grauen Mantel aus Schneematsch, Nieselregen und Restmüll der Silvesternacht. Aber gestern gab es sogar Neuschnee! Sei’s drum: Wenn ich den Laptop aufklappe, sehe ich, dass die Welt sich weitergedreht hat. Nicht nur hier im Forum, sondern auch da draußen, jenseits unseres kleinen Biotops. Ich habe mir heute Morgen, bei der zweiten Tasse Kaffee, mal angesehen, was die Tech-Welt so treibt, während der Rest sich noch den Schlaf aus den Augen reibt.
Die Realität hinter der Haustür
Es ist jedes Jahr das Gleiche. Erst reißen wir die Geschenke auf, die Folien knistern, der Geruch von neuem Plastik und Silizium liegt in der Luft. Und dann? Dann kommt der Alltag.
Da bleibe ich im Thread „Danalock V3 HomeKit klemmt“ hängen. Da fühle ich mit. Wirklich. Du hast dir dieses Stück Technik gekauft, um dein Leben leichter zu machen, um die Tür mit einem lässigen Swipe zu öffnen – und was sagt die App? „Klemmt“. Neue Batterien, Kalibrierung, Reset. Nichts hilft dauerhaft. Das ist diese kleine, feine Absurdität unseres Hobbys: Wir bauen uns Raumschiffe, und am Ende scheitern wir am digitalen Türschloss, das einfach nur zickig ist. Mittlerweile wird in der Community gemeinsam über ein Ersatzgerät diskutiert. Man hilft sich.
Genauso wie der Kollege, der sich an „Home Assistant in VM auf Synology NAS“ wagt. Das ist der Moment, wo aus dem Hobby Arbeit wird. Da wird über YAML-Dateien diskutiert, als wären es philosophische Texte. Für den Außenstehenden klingt das nach Folter, für den Enthusiasten ist es der Weg zur Erleuchtung – oder zumindest dazu, dass das Licht im Flur endlich angeht, wenn der Hund bellt. Es zeigt schön, dass „Smart Home“ eben immer noch „Bastel Home“ ist, sobald man an der Oberfläche kratzt.
Der Blick über den Teich
Aber wenn wir mal den Kopf heben und schauen, was die großen US-Blogs und News-Seiten derzeit so in den Äther blasen, wirkt unsere Frickelei fast schon gemütlich. Drüben in den USA, bei 9to5Mac oder MacRumors, herrscht bereits wieder die übliche Hysterie.
Dort wird nicht über klemmende Schlösser geredet, sondern über das nächste große Ding, das unser aller Leben verändern soll. Mia hat es ja in ihrem Artikel mit dem einleitenden Satz „Apple schliesst voraussichtlich 2026 endlich die Lücke zu Amazon und Google und bringt einen dedizierten ‚Home Hub‘ mit Display“ aufgegriffen. Die US-Presse überschlägt sich fast vor Spekulationen. Von „Gamechanger“ ist da die Rede, von der ultimativen Steuerzentrale.
Wenn man sich aber die Renderings und Patente ansieht, die da gerade durchs Dorf getrieben werden, muss man skeptisch bleiben. Ein iPad, das an der Wand klebt? Revolutionär. Zumindest, wenn man die letzten zehn Jahre Smart-Home-Entwicklung verschlafen hat. Es ist interessant zu beobachten, wie die amerikanische Tech-Presse jeden Schnipsel aus Cupertino wie eine Offenbarung behandelt, während wir uns fragen: „Ja gut, aber kann ich damit auch meine Heizung steuern, wenn das WLAN ausfällt?“
Das Falt-Theater
Noch absurder wird es beim Thema Foldables. Der Artikel „Apple vs. Prosser – Das iPhone Fold zeigt sich trotz Justiz-Krieg“ fasst das Drama gut zusammen. Jon Prosser leakt, Apple klagt, die Tech-Welt hält den Atem an. Schaut man sich die Kommentare auf den internationalen Portalen an, spaltet sich die Welt in zwei Lager: Die, die das faltbare iPhone als den heiligen Gral herbeibeten, und die, die darin den Untergang des Apple-Designs sehen.
Dabei vergessen beide Seiten oft das Wesentliche: Es ist ein Werkzeug. Ob es sich faltet, rollt oder Origamis faltet, ist zweitrangig, wenn die Software nicht mitspielt. Und genau da hakt es ja oft, wie wir an unseren klemmenden Schlössern sehen. Die Hardware ist futuristisch, die Software ist... nun ja, menschlich.
Das Ragù und die Geduld
Ich musste gerade an einen Sommer in der Emilia-Romagna denken, vor sicher zwanzig Jahren. Ich war in einer Küche, die nicht mir gehörte, bei einer Signora, die definitiv keinen Widerspruch duldete. Sie brachte mir bei, wie man ein echtes Ragù macht. Nicht diese schnelle Nummer mit Tomatenmark und Hackfleisch, die man in zwanzig Minuten zusammenrührt, wenn die Kinder Hunger haben. Nein, ein Ragù, das den Namen verdient.
„Es braucht Zeit“, sagte sie immer wieder und rührte in einem Topf, der so groß war, dass man darin hätte baden können. Man musste das Gemüse ganz fein würfeln – Sofrito –, das Fleisch musste genau die richtige Marmorierung haben, und dann: Wein. Warten. Brühe. Warten. Milch (ja, Milch!). Warten.
Das Ganze köchelte sechs, manchmal acht Stunden. Der Geruch kroch in jede Fuge des Hauses, setzte sich in den Vorhängen fest und versprach eine Schwere und Tiefe, die man heute kaum noch kennt. Es war ineffizient. Es war teuer. Es nahm Platz weg. Aber wenn du es gegessen hast, wusstest du, warum du dir die Mühe gemacht hast. Es hatte Substanz.
Warum ich euch das erzähle? Weil ich gestern über den Artikel „Steht der Mac Pro vor dem Aus?“ hier bei uns gestolpert bin. Toller Beitrag. Und da dämmerte mir: Der Mac Pro, dieser riesige, silberne Monolith, dieser „Käsereibe“-Turm, das war unser Ragù.
Der Abschied vom Schwermetall
Wenn man die Beiträge unter dem Artikel so liest, spürt man eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Wehmut. Da wird fachgesimpelt über die Apple Silicon Chips, über den M-Ultra, der Kreise um die alten Intel-Xeon-Heizkraftwerke rennt. Nüchtern betrachtet ist die Sache klar: Niemand braucht mehr diese riesigen Kisten. Ein kleiner Mac Studio, ja sogar ein gut ausgestatteter Mac mini, wischt mit den Legenden von gestern den Boden auf.
Aber zwischen den Zeilen lese ich auch etwas anderes.
Es geht um den Verlust der Erweiterbarkeit. Nicht, weil man sie wirklich braucht – seien wir ehrlich, wer von uns hat denn wirklich alle vier Jahre die Grafikkarte getauscht? –, sondern weil man es konnte. Es geht um das Gefühl, eine Maschine zu besitzen, die man öffnen kann. Wo man reinschauen kann. Wo man versteht: Hier ist der Speicher, da ist der Prozessor, und dort drüben sitzen die PCIe-Steckplätze.
Jetzt ist alles „System on a Chip“. Alles verlötet, versiegelt, unzugänglich. Das ist wie Instant-Nudeln. Die sind verdammt effizient, sie machen satt, sie sind in drei Minuten fertig. Aber niemand wird sich in zwanzig Jahren wehmütig an seine Instant-Nudel-Phase erinnern.
Der Mac Pro war ein Statussymbol, sicher. Aber er war auch ein Versprechen: „Ich bin ein Werkzeug für Profis.“ Wenn ich heute sehe, wie wir hier diskutieren, dann merke ich, dass sich der Begriff „Profi“ verschoben hat. Früher war der Profi der, der die dickste Maschine hatte. Heute ist der Profi der, der seine Arbeit erledigt bekommt, ohne dass die Technik im Weg steht. Die Magie ist verschwunden, aber die Produktivität ist geblieben. Vielleicht ist das einfach das Erwachsenwerden der Technik.
Was bleibt
Was nehme ich also mit in dieses noch junge Jahr? Die Diskrepanz zwischen den Hochglanz-Versprechen aus dem Silicon Valley und der Realität in einem deutschen Flur ist groß. Drüben werden Visionen verkauft, hier werden YAML-Codes gefixt. Und weißt du was? Das ist auch gut so.
Wir lassen uns nicht von jedem Hype mitreißen, der über den Atlantik schwappt. Wir schauen uns das an, ziehen eine Augenbraue hoch und warten ab. Das Jahr 2026 wird uns sicher noch einige „Revolutionen“ bescheren. Vielleicht kommt der Home Hub. Vielleicht faltet sich das iPhone. Vielleicht funktioniert sogar das Danalock irgendwann zuverlässig.
Bis dahin beobachten wir das Spektakel. Unaufgeregt und kritisch. Sollen sie drüben in Kalifornien ruhig das nächste „One more thing“ proben. Wir kümmern uns derweil um das „One last thing“, das hier bei uns noch nicht läuft. Denn ein funktionierendes System im Hier und Jetzt ist mir lieber als ein leuchtendes Pixel-Versprechen am Horizont.
Wir lesen uns. Bleibt neugierig.
PS: Und wenn ihr nach dem Klick auf den letzten Link im Artikel ein wenig sentimental werdet: Macht euch nichts draus. Geht mir genau so. Da darf für echte und langjährige „Apple Nerds“ ruhig mal eine Träne kullern…
PPS: Hab ich schon „Frohes neu…“ … ? Ach ja! Hab‘ ich schon! ![]()
About the Author
Der Autor dieses Beitrags ist seit Ende des letzten Jahrtausends in der IT-Branche tätig. Er bezeichnet sich selbst als:
Apple-Enthusiast.
Hobbykoch.
„IT-Mokel“.
Nordlicht.
Heimautomation ist seit mehr als zehn Jahren seine Leidenschaft. Apple war es schon immer.
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